Finishermedaille Kölnmarathon 2019

Was war das für ein Sportwochenende. Am frühen Samstagmorgen läuft Eliud Kipchoge den Marathon in unter zwei Stunden. In der Nacht von Samstag auf Sonntag beenden Jan Frodeno und Anne Haug den Ironman Hawaii als Sieger. Alle Leistungen kann man ruhig in die Kategorie außergewöhnlich, vielleicht sogar übermenschlich, einordnen. Alle Leistungen rufen bei mir Begeisterung hervor und motivieren mich meine persönlichen Grenzen zu suchen und zu erweitern.

Und dann war da noch der Köln-Marathon, das läuferische Jahreshighlight unserer Region, an dem ich teilnahm, um die Halbmarathon-Distanz zu bewältigen. Wobei bewältigen es nicht ganz trifft. Ich war mit dem Ziel angetreten meine persönliche Bestleistung aus dem Vorjahr zu pulverisieren. Mehr als 9 Minuten wollte ich schneller sein. Dafür hatte ich dieses Jahr trainiert. Auf diesen Tag hatte ich monatelang hingearbeitet. Das Ziel war ambitioniert. Es zu erreichen war aber nicht unmöglich. Mein Training verlief gut, ich fühlte mich fit. Von mir aus konnte es losgehen.

Der Start - Achtung Staugefahr

Vor dem Start schallte es immer wieder durch die Lautsprecher. Hier haben sich mehr als 16.000 Läufer angemeldet. Eine riesige Zahl. Eine euphorisierende Zahl. Wow. Ich bin Teil einer großen Gruppe Laufverrückter. Die Tatsache, dass ich zu denen gehörte, die keinen Platz im Startblock bekommen hatten und ich diesen erst betreten konnte, nachdem der Startschuss für meine Gruppe schon längst gefallen war, hätte mich nachdenklich stimmen sollen. Egal, es zählte ja die Netto-Zeit. Es konnte mir doch egal sein, wann ich die Startlinie überqueren sollte. Ca. 200 Meter hinter der Startlinie stand ich dann zum ersten Mal im Stau, wie sonst nur auf der A40. Nichts ging mehr. Und auch danach wurde es erstmal nicht besser. Ich musste immer wieder Tempo rausnehmen, nach Lücken suchen und dabei aufpassen weder andere umzurennen, noch umgerannt zu werden. An einen ruhigen Laufrhythmus war nicht zu denken. Die tranceartigen Zustände meiner Trainingsläufe konnte ich nie erreichen. Meine Pace variierte von Kilometer zu Kilometer um bis zu 20 Sekunden. Schon nach dem ersten Kilometer lag ich eine Minute hinter meinem Rennplan. Frustration machte sich in mir breit.

Ich musste also frühzeitig meine Ziele runter schrauben: “Ok, eine 1:50 wird das heute nicht, aber eine 1:55 ist noch drin.”

Kilometer 9 - Das Pulver ist verschossen

Bei Kilometer 9 machte sich das unruhiger Rennen zum ersten Mal bemerkbar. Meine Beine wurden schwerer, der Puls ging nach oben und die Stimmung in den Keller. Auf diesen ersten Hänger war ich vorbereitet. Ein kurzer Griff in meinen Laufgürtel brachte das rettende Gel zu Tage, an dem ich mich gleich verschluckte, dass aber nach kurzer Zeit seine Wirkung entfachte und mich für die nächsten Kilometer wieder aus dem Loch ziehen konnte. Von da an ging es für einige Kilometer halbwegs zügig weiter auf den Kölner Straßen. Dieser frühe Einbruch hätte mir aber eine Warnung sein sollen. Aber was macht man nicht alles, wenn am Straßenrand tausende Menschen stehen und uns Läufer immer wieder antreiben. Da wurde geklatscht, gejubelt, getrommelt und gesungen. Es war ein großes Vergnügen die vielen, selbst gemachten, Pappschilder zu betrachten. Mein diesjähriges Lieblingsschild hielt ein kleiner Jugen in den Händen, mit der Aufschrift “Papa beeil dich, wir wollen noch grillen”. Da schien eine Familie genauso “begeistert” von Papas Hobby gewesen zu sein, wie meine eigene. Ok, Warnung in den Wind geschlagen und mit Vollgas weiter gelaufen. Ich war ja fit und wusste, was mein Körper zu leisten in der Lage war.

Dachte ich.

Kilometer 18 - Der Mann mit dem Hammer

Pünktlich an Kilometer 18 wartete der Mann mit dem Hammer hinter einer schlecht einsehbaren Kurve. Und der Hammer traf mich so richtig hart. Die Beine wurden noch etwas schwerer, der Puls fing an zu rasen, der Nacken fing an zu schmerzen und ich hatte bis ins Ziel immer latente Seitenstiche, ein Phänomen, dass ich selbst von langen Tempodauerläufen im Training nicht kannte. Jetzt steigt man so kurz vor dem Ziel auch nicht mehr aus, das verbietet der männliche Stolz. Ich hatte jetzt nur keinen Notfallplan mehr zur Hand, der mich noch hätte retten können. Es blieb mir also keine andere Option als auf die Bremse zu treten und langsam ins Ziel trotten. Auf den letzten Kilometer vielen dann auch noch die Minimalziele für diesen Wettkampf. Die fest eingeplante PB wurde es auch nicht. Es ging nur noch das Rennen halbwegs würdevoll zu einem Ende zu bringen. Aus der erhofften Siegerpose beim Zieleinlauf wurde ein resigniertes Abwinken. Schön ist anders.

Im Ziel - Erkenntnisse

Am Ende konnte ich wenigstens die zwei Stunden Marke unterbieten und lag sogar 17 Sekunden unter der Zeit von Eliud Kipchoge vom Vortag. Gut, er ist dafür doppelt so weit gelaufen, dafür hatte ich auch nicht die Ingebrigtsens vor mir und die Stadt Köln hatte es verpasst die Strecke vor meinem Rekordversuch neu zu asphaltieren. Außerderm war es viel zu warm und das “wellige” Profil lag mir so gar nicht. Was wäre alles möglich gewesen, wenn ich unter optimalen Bedingungen hätte starten können. Da wären mit Sicherheit die eine oder andere Sekunde drin gewesen, aber keine neun Minuten.

Es hat einfach nicht sollen sein. Mund abputzen und die nächsten Ziele ins Visier nehmen.

Und nun?

Jetzt heißt es erstmal Wunden lecken, den geschundenen Körper wieder gesund pflegen und nach neuen Zielen Ausschau halten. So ein ganzer Marathon wäre ja auch was nettes, oder? Wer weiß, was das nächste Jahr so bringt.

Köln, wir haben noch eine Rechnung offen. Ich komme wieder.