Finishermedaille Kölnmarathon

Wer schon einmal mit Kindern in den Urlaub gefahren ist, wird die folgende Situation sehr gut kennen. Die Familie hat sich nach einer nervernaufreibenden Koffer- und Autopacksession endlich in das abfahrbereite Auto begeben, der Vater sitzt am Steuer, die Mutter auf dem Beifahrersitz, die Kinderschar auf den Rücksitzen und hat gerade die ersten Meter eines längeren Weges zum ersehnten Urlaubsziel zurück gelegt, da kommt, noch bevor der Vater zum ersten Mal in den dritten Gang schalten konnte, eine nölige Klangwolke nach vorne geweht, die sich ungefährt so übersetzen lässt: “Sind wir bald da? Mir ist langweilig. Ich muss mal!”

In diesem Moment versucht der Vater seine aufkommende Wut und den ansteigenden Blutdruck mit buddhistischen Atemübungen in den Griff zu bekommen, während die Mutter, mit einer Engelsgeduld, der Brut zu erklären versucht, dass die Fahrt noch eine Weile dauern wird und sie sich in der Zwischenzeit an der schönen Aussicht der nachbarschaftlichen Vorgärten erfreuen sollen.

Warum schreibe ich das?

Nun, ich bin letzte Woche, in der schönen Stadt Köln, meinen ersten Halbmarathon gelaufen, ein Ereignis, auf das ich mich 3 Monate intensiv vorbereitet hatte, mit längeren und kürzeren Laufeinheiten, mit dem Studium der Verhaltenshinweise für den Wettkampftag, die der Veranstalter auf seiner Website zur Verfügung gestellt hatte und durch den Erwerb diverser neuer Ausrüstungsgegenstände, die mir helfen sollten diesen Tag gut zu überstehen. Ich fühlte mich also ganz gut eingestellt auf alles, was mich an diesem Tag erwarten sollte. Ich bin um 5:30 Uhr aufgestanden, habe mich angezogen, gefrühstückt und bin zum Park&Ride-Parkplatz meiner Wahl gefahren, um von dort die letzte Etappe zum Startpunkt des Wettkampfs mit den öffentlichen Nahverkehrsmitteln zurück zu legen. Ich kam frühzeitig am Ort des Geschehens an, konnte mich dort in Ruhe umsehen, mich meiner Jacke und der langen Hose entledigen und die, vom Veranstalter zur Verfügung gestellte Tasche, in einen UPS-Truck hinterlegen. Ich hatte sogar noch Zeit mich 10 Minuten in die Schlange vor einer Dixi-Klo-Ansammlung zu stellen und meine Blase komplett zu entleeren. Alles verlief nach Plan. Die Spannung und auch die Vorfreude auf diesen Lauf stieg von Sekunde zu Sekunde. Dann stand ich an der Startlinie, lauschte dem Count-Down, hörte den Startschuss und lief los.

Soweit, so gut.

Nach ca. 500 Metern (!)machte sich dann ein Organ bemerkbar, das ich für die nächsten zwei Stunden nicht mehr auf der Rechnung hatte. Die Blase. Jetzt mal ehrlich. Hatte mich das Tragen von kurzen Laufhosen um über 30 Jahre jünger werden lassen? War ich durch den Startschuss in ein Paralleluniversum portiert worden, oder war ich einfach nur aufgeregt, dass es jetzt endlich losging? Das konnte doch nich wahr sein. Nun gut, was blieb mir anderes übrig? Ich lief erstmal weiter und die ersten paar hundert Meter war ich voll und ganz damit beschäftigt mich mit den vielen Mitläufern zu arrangieren. Ich bin Alleineläufer und genieße ansonsten die Stille und Einsamkeit meiner Trainingseinheiten. Die gemütlich vor mir her trabenden Dreier- und Vierergruppen, die es zu überholen galt, machte es mir schwer meinen eigenen Laufrhythmus zu finden. Mein Blasenproblem trat etwas in den Hintergrund. Leider standen schon wenige Minuten später die ersten freundlichen Menschen mit prall gefüllten Wasserbechern am Wegesrand und boten sie den vorbeilaufenden Sportlern mit einem gewinnbringenden Lächeln an. Und da war sie wieder, meine Blase und brachte sich zurück in mein Bewusstsein.

Was tun?

Für uns Männer ist das Leeren der Blase um ein vielfaches einfacher als für die Frauenwelt. Man suche sich einen Baum und tue das, was die Natur von einem verlangt. Dafür ist die Anzahl der zur Verfügung stehenden Bäume in der Kölner Innenstadt aber zu gering und hunderte von Zuschauern sind beim Wasserlassen auch nicht so mein Ding. Es blieb mir also nichts anderes übrig als weiter zu laufen und nicht an den penetranten Harndrang zu denken. Worauf soll man sich aber konzentrieren, wenn sich das Teilnehmerfeld so langsam in die Länge zieht und man sich nicht mehr darauf konzentrieren muss einem anderen Menschen nicht in die Hacken zu laufen und man so langsam seinen Laufrhythmus gefunden hat, der Körper also fast schon automatisch das tut, was er so tun soll? Ich fing also an mich mit den Begleiterscheinungen eines öffentlichen Wettkampfs auseinander zu setzen, die Menschen am Wegesrand. Und da wurde einem allerhand geboten. Da waren Trommelgruppen, Bands, Alleinunterhalter, Moderatoren, sowie Familien- und Freundesgruppen mit lustigen und aufmunternden Plakaten. Alle paar hundert Meter gab es etwas anderes zu sehen oder zu hören und manchmal auch zu erspüren – ich sage nur “Konfettiregen”. Von Zeit zu Zeit wurde ich sogar persönlich angefeuert, von wildfremden Menschen. Ein schönes und peinliches Gefühl zugleich. Mein Lieblingsplakat trug die Aufschrift “Lauf schneller, ich habe gepupst”. Ich hatte in der Vergangenheit schon viele Geschichten über das besondere Erlebnis eines Wettkampfs mit Publikum gehört. Es selbst zu erleben war dann aber doch noch einmal was anderes. Und auch die Stimmung im Teilnehmerfeld war eine lohnenswerte Erfahrung.

So verging die Zeit wie im Flug, ich fühlte mich gut, lief locker und schmerzfrei und hatte sogar wieder Blasenkapazitäten, um Wasser und ein süßlich-klebriges Getränk eines österreichischen Brauseherstellers zu mir zu nehmen. Und dann, als mein Körper dann doch langsam aufmerkte, dass solche Laufdistanzen nicht mein Alltagsgeschäft wären, kam der Dom in Sicht. Das Ziel. Nach 21,1km. Über einen roten Teppich ging es ins Ziel und die Uhr blieb sogar unter der zwei Stunden Grenze stehen. Mein zweites Ziel für diesen Tag.

Und meine Blase? Die hatte sich vollends beruhigt. Es war sogar noch Platz für ein alkoholfreies Kölsch.

Was bleibt?

Stolz. Ein leichter Muskelkater und mehr verständnis für meine Kinder beim Start in den nächsten Familienurlaub.